Rekordfahrt: Mit dem Ballon in 7000 Metern über dem Niederrhein

Von Benjamin Eimers

Im Mai 2011 gelang es mir mit einem 500m³ großen Gasballon bei einer Alleinfahrt den deutschen Dauerrekord zu überbieten. Dazu musste ich über 24 Stunden in der Luft sein. Ein Blick in die deutsche Rekordliste zeigte, dass die Höhenrekorde in mehreren Größenklassen schon sehr lange Bestand hatten. Der älteste Rekord von 6400 Meter bestand seit 1957, aufgestellt mit einem 950 m³ großen Gasballon. Ich fragte mich, ob es möglich ist, mit einem nur fast halb so großen Ballon diese Höhe zu erreichen.

Die Ballone sind leichter geworden. Ein Netz hat unser 500 m³ kleiner Gasballon nicht mehr. Es galt Gewicht zu sparen und eine Wetterlage mit möglichst niedrigen Temperaturen abzuwarten. Je niedriger die Temperatur der Luft, je besser trägt der Ballon. 10 Grad Temperaturdifferenz bringen mich ca. 1000 Meter höher. Theoretisch ergaben die Berechnungen, dass eine Höhe von 7000 Meter erreicht werden kann. Praktisch sieht das anders aus.

Test der Instrumente im Gefrierschrank

Es gibt da noch die Problematik der Lufträume, des niedrigen Sauerstoffes, sehr niedrige Temperaturen von bis zu -35 Grad die der Technik und dem Piloten zusetzen und ein schneller Auf- und Abstieg. Es war klar, ein Start muss in den Winter verlegt werden. Eine Bodentemperatur von ca. -10°C. ist erforderlich. Ich bereitete alles vor und testete die Ausrüstung und die Instrumente. -18 Grad simulierte ich im Gefrierschrank.
Als sich endlich im Winter eine längere Kälteperiode ergab, checkten wir den Ballon noch einmal komplett durch. Zunächst wurden die 300 m² große Ballonhüllenfläche geputzt, das war nach 15 Jahren auch ohne Rekordfahrt nötig. Aber so kamen sicherlich zwei bis drei Kilogramm Schmutz runter. Eine Hand voll kleiner Löcher fanden wir auch. Nach zwei Tagen Arbeit war der Ballon im besten Zustand.

Abstimmung mit der Flugsicherung

Die Wettervorhersagen zeigten eine gute Gelegenheit auf: Sehr hoher Druck von 1038 hpa, sehr kalte Temperaturen, kaum Bodenwind. Wir begannen in der Nacht den Ballon startklar zu machen und füllten ihn mit ca. 300m³ Wasserstoff. Mehr brauchte ich nicht, dehnt sich das Gas doch in der Höhe aus. In 7000 Meter sollte der Ballon seine 500 m³ Volumen haben. Die Flugsicherung wurde einige Tage vorher informiert. Es bestanden zunächst keine Bedenken.
Mit dem Supervisor und dem zuständigen Mitarbeiter in Langen für „Besondere Nutzung Luftraum“ für den Bereich der FIS Düsseldorf sprach ich mein Vorhaben ab. Nun waren auch Richtung und Geschwindigkeit vorhersehbar. So konnte analysiert werden, welche An- bzw. Abflugrouten ich kreuzen könnte und wo eventuelle kurzzeitige Umleitungen nötig sind. Der Start war für 7:30 Uhr loc geplant, wollte ich doch auf jeden Fall vor Thermikbeginn wieder landen.
Ein letzter Anruf bei der DFS um 7 Uhr. Da musste ich erfahren, dass ein Start vor 8 Uhr auf keinen Fall in Frage kommt. Die DFS spart an Mitarbeitern und legt Sektoren auf einen Arbeitsplatz zusammen. Für den Controller, der dann schon ohne Unterbrechung Flugzeuge koordinieren muss, war es unmöglich einen Ballon durch seine Sektoren fahren zu lassen und dann noch eventuelle alternative Flugrouten für die Flugzeuge zu bestimmen. Also wartete ich, bis ein weiterer Controller die Arbeit aufnahm.

Der Aufstieg

Um kurz nach 8.00 Uhr ging es in Gladbeck los. An Bord 9 Sack á 7,5 kg Ballast. Von denen war ich bereit 4 Sack zu opfern um die Höhe von 6600 Meter zu erreichen. Diese Höhe war nötig um den 55 Jahre alten Rekord zu brechen. Sehr schnell mit 5 m/s ging es nach oben. Ich war bereits ab dem Start mit Sauerstoff versorgt. Die Windgeschwindigkeit war mit max. 140 km/h in 7000 Meter vorhergesagt. Bei einer Drift von 230 Grad hatte ich ca. 80 km bis zur belgischen Grenze. Schnell bekam ich vom Lotsen in Langen die Freigabe auf FL 240 zu steigen. Der Ballon stieg in weniger als 30 min. auf über 6000 Meter. Als er prall war, stieg er nur zögerlich mit 1 m/s höher.
Ich überquerte schon den Rhein und merkte erstmals wie schnell ich unterwegs war. 120 km/h, damit kam die Grenze schnell näher. Um den Rekord zu schaffen, musste ich wieder schneller steigen. Ich schmiss nach und nach die 4 Sack Sand raus. Jeder davon brachte mich 250 Meter höher. Alle Instrumente funktionierten und konnten die große Kälte ab. Einzig das Display meines Flytec 6040 wurde blass und zeigte nichts mehr an. Mein Yeti Daunenanzug hielt mich warm. Von der Kälte (-32°) merkte ich nicht viel. Hatte ich auch viel zu tun. Ständig checken ob alles funktioniert, funken mit der DFS und mit meiner Crew. Der schnelle Aufstieg machte sich bemerkbar. Reden und jede Bewegung fiel mir deutlich schwerer. Bei Grefrath (10km SO Venlo) erreichte ich letztendlich die Marke von 7023 Metern. Neuer deutscher Höhenrekord in den Klassen AA-4, AA-5,AA-6. Mein Ballon passt in die Klasse AA-4. Da ich Rekorde von größeren Ballonklassen überbieten konnte, wurden auch diese eingestellt.

Abstieg und Landung in Holland

Ich hatte noch ca. 20 km bis zur niederländischen Grenze. Ich zog ganz vorsichtig das erste Mal bei dieser Fahrt den Parachute um Gas abzulassen. Da dieser nur vom Gasdruck dicht gehalten wird, der aber in dieser Höhe sehr gering ist, musste man hier ganz vorsichtig sein. Ich wollte nicht zu viel Gas raus lassen. Schließlich mussten 5 Sack Sand bis zur Landung reichen. 2 Sack plante ich für das Abfangen ein. Ich zog immer wieder bis mein Variometer den nötigen Fall anzeigte. 5 m/s Fall hielt ich für schnell genug. Ich rechnete aus, dass ich bis zur Grenze unter FL 100 bin. Perfekt. Alles stellte sich so ein wie ich es geplant hatte. Noch konnte ich aber nicht erleichtert aufatmen. Kommt doch noch die Landung und das mit sehr wenig Ballast. Ich hatte noch 37 Kilo. Genug um den Ballon abzufangen und 1 bis 2 Landeversuche. Ich schaute mir das Gelände an. Keine gute Ausgangslage. Ich überfuhr gerade Roermond hatte noch knapp 1000 Meter Höhe.
Ich sah all das Wasser, die Maas, die Seen, in Fahrtrichtung ein Kraftwerk und ein großes Umspannwerk mit all den Stromleitungen. Überfahren und Abwarten hätten zusätzlich Ballast gekostet. Ich wollte erst mal tiefer. In 300 Meter ginge der erste Sack Sand über Bord. Der zweite hinterher. In Baumhöhe stoppte ich den Fall über der kleinen Stadt Linne. 12 km/h schnell, gute Bedingungen für eine Landung. Ich machte schon einige Landeflächen hinter dem Ort aus.
Kurz dahinter das Kraftwerk, da wollte ich nicht mehr drüber. Ich versuchte den Ballon stabil in 20-30 Meter über Grund fahren zu lassen. Ein Hindernis gab es, die Kirche. Der Turm befand sich 200 Meter vor mir und war 10 Meter höher. Ich wusste er ist nur ein paar Meter breit. Da komme ich links oder rechts vorbei, spare Ballast und muss den Ballon nicht in seiner Höhe steuern. Ein altes Sprichwort besagt im Gasballonsport: „Wer spät gibt, gibt doppelt!“ Nein der Ballon wollte nicht vorbei. Ich wartete lange musste schließlich statt eines halben Sacks einen ganzen opfern. Der Ballon stieg schnell über den Turm hinweg. Wenn ich jetzt nicht reagiere, steigt er wieder auf 7000 Meter. Schnell 2-3 Ventilzüge. Nicht zu viel. Es passte – knapp an einem Baum vorbei.
Die schneebedeckten Landeflächen kamen näher. Ventilzug, knapp über den Boden noch die 2 Sack raus. 3 Meter Schleiflandung. Gelandet. Meine Crew traf trotz meiner Durchschnittsgeschwindigkeit von 77,6 km/h nur 5 Minuten später am Landeort ein – zu verdanken der technischen Weiterentwicklung von heutigen Live Tracking Systemen, die so Fahrten auch für einen breiten Kreis an Luftfahrern interessant machen.
Im Internet war die gesamte Fahrt live mit zu verfolgen. Natürlich gehört zu einer Landung in Holland ein Landefest mit Frikandel und Pommes. Ich möchte mich ganz besonders bei meiner Crew bedanken. Bei Peter Hausmann, der die Fahrt als Observer begleitet hat. Bei der Deutschen Flugsicherung und ihren belgischen Kollegen. Bei unserem Ballonsponsor WARSTEINER Brauerei. Ohne die Unterstützung wäre der Rekord nicht möglich gewesen. Die ganze Presse und online Berichterstattung und ein 15 minütigen Film gibt es hier.

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