[UPDATE] Fliegende Denkmäler

„Faszination Segelflug“. Ein Begriff der inzwischen über die Grenzen Bückeburgs für luftsportliche Events bekannt ist, hatte dieses Jahr eine Premiere zu bieten: Das erste Treffen von denkmalgeschützten Segelflugzeugen mit anderen Oldtimern zusammen ab dem 11. September 2015, das mit dem Tag des offenen Denkmals am 13. September zu Ende ging. Auf dem Flugplatz Bückeburg-Weinberg waren die Oldies drei Tage lang am Boden und in der Luft präsent.

Bückeburg, die malerische Stadt im Süden des Landes Niedersachsen, hatte sich mächtig ins Zeug gelegt, um den Tag des offenen Denkmals zu begehen. Der örtliche Verein „Schaumburger Landschaft“ hatte im Vorfeld bereits ein Flugblatt herausgegeben, auf dem nicht weniger als 27 Denkmäler in der Region aufgelistet waren und mit einem informativen Kurztext versehen für den Besuch dieser Objekte warb. Darunter auch die fliegenden Denkmäler, die sich bereits ab Donnerstag auf dem Flugfeld des heimischen Luftsportvereins Bückeburg-Weinberg nach und nach einfanden.

Bernd Vogt, der Macher der Veranstaltungsserie „Faszination Segelflug“, ist unter Flugtag-Fans kein Unbekannter. Die Idee zu dem Treffen der „Fliegenden Denkmäler“ hatte der Ehrenpräsident des DAeC, Gerhard Allerdissen. Als Vorsitzender des Fördervereins und des Kuratoriums des Deutschen Segelflugmuseums mit Modellflug auf der Wasserkuppe ist Allerdissen sehr bemüht um die kulturellen Aspekte des Luftsports. Bernd Vogt sprach sich mit ihm ab, kümmerte sich um die Organisation und gab ebenfalls einen Flyer heraus, der bereits im Frühjahr auf der Aero am Stand des Museums auslag.

Die deutschen Denkmalämter haben mittlerweile 21 historische Segelflugzeuge in den „Adelsstand“ erhoben und bei fast allen von ihnen hat Allerdissen die entsprechenden Anregungen gegeben. Alle Denkmäler der Lüfte sollen, mit einer gültigen Zulassung versehen, wieder am Luftsport teilnehmen. Das gilt z. Zt. nur für acht Exemplare, der Rest wird in naher Zukunft folgen. Für die Premiere einer gemeinsamen Flugshow hatte Bernd Vogt immerhin von fünf Eignern fliegender Denkmäler Zusagen erhalten. Aus Braunschweig reiste per F-Schlepp das immer noch größte Segelflugzeug der Welt ohne Rückkehrhilfe, die SB-10 an. Sie ist bis heute ein Unikat geblieben und war zu ihrem Erstflug am 22. Juli 1972 mit außerordentlichen Flugleistungen ihrer Zeit weit voraus. Die weiteste Anreise hatte die Minimoa aus Aventoft, die das älteste Baujahr (1938) aller Denkmäler des Treffens vertrat. Aus der NRW-Nachbarschaft kamen die Weihe 50 aus Oerlinghausen, die 2001 die Serie der Anerkennungen zu Denkmälern einläutete, ferner die K 8b aus Herford und der erst im Frühjahr unter Schutz gestellte Doppelraab V aus Paderborn. Dazu gesellten sich weitere Oldtimer, die das Fluggeschehen über dem Flugfeld Weinberg wirkungsvoll verstärkten. So führte Harald Kämper, ehemaliger VGC-Vizepräsident, ein Baby II b und den wunderschönen Reiher III aus Achmer mit ins Feld. Christoph Zahn war mitsamt Familie und DFS Habicht angereist. Wie gewohnt sorgte er mit seinen spektakulären, mit Musik untermalten Kunstflugeinlagen für Begeisterung unter den zahlreichen Zuschauern. Zusammen mit dem Doppelraab brachte Franz-Barthold Gockel auch seine Slingsby T31b mit. Der Rhönbussard von der Wasserkuppe konnte leider nicht dabei sein, dafür nahm Kerstin Detherts ihre SB5 E mit zum Treffen der Denkmäler, so dass auch aus Hessen ein Oldtimer zugegen war. Vom Nachbarflugplatz Porta Westfalica kam eine Ka 2 zu Besuch sowie ein weiteres Grunau Baby IIb aus Greven. Ein ganz besonders seltenes Exemplar war ein Greif II von Thomas Heimbach, ein Unikat wie die SB10, denn es wurden nur zwei Exemplare gebaut, von denen das erste Baumuster bei einem misslungenen Windenstart zerstört wurde.

Die Flugtage in Bückeburg erfreuten sich neben der perfekten Organisation immer eines gehörigen Maßes an Lockerheit. So war es auch diesmal. Am Freitag und am Samstag konnte jeder, der fliegen mochte, sein Flugzeug an den Start schieben. Zwischendurch gab es immer wieder Sondereinlagen, die angenehme Abwechslungen mit sich brachten. Am Sonntagnachmittag gab es ein festgelegtes Programm, das dem besonderen Anlass „Tag des offenen Denkmals“ gerecht wurde. Zu den Höhepunkten der Vorführungen zählten neben den Kunstflügen von Christoph Zahn die Formationsflüge der Knickflügler Habicht, Reiher und Minimoa. Nach dem Ausklinken von den Schleppflugzeugen fanden sich die Drei und zeigten eine Präsentation der besonderen Art. Jedes Mal, wenn sich die Flieger mit dem „Möven-Look“ gegen den Wind im Zeitlupentempo auf die Zuschauer zubewegten und die besondere Form der Tragflächen sich gegen den Himmel abzeichnete, bekamen die Anwesenden Oldtimerfans eine Gänsehaut. Matthias Dubbick aus Aventoft führte das Dreiergespann mit der Minimoa an, konnte seine beiden Hintermänner aber wegen der begrenzten Sichtverhältnisse nicht sehen. „Der Habicht durfte nicht unter 95 km/h geflogen werden, und so hatte ich die Minimoa entsprechend mit gedrücktem Knüppel auf Tempo zu halten, sie hat nämlich keine Trimmung.“, so Matthias Dubbik.

Für das nächste Highlight sorgte Christoph Zahn, der nach gekonnter Habicht-Kür harmonisch zur sanften Musik wie gewohnt mit einem Messerflug in niedriger Höhe und lautem Jubelschrei aus dem offenen Cockpit seine Vorführung beendete. Zu alledem bekamen die Zuschauer stets die passenden und fachgerechten Moderationen und Kommentare des Organisators Bernd Vogt.

Und noch etwas Positives ist zu berichten: Die Wettervorhersagen für Freitag und Samstag waren vielversprechend, jedoch schien der Sonntag arg gefährdet zu sein. Am Sonntagnachmittag bezog sich der Himmel bedrohlich. Aber erst als zum Abschluss die K 8b des Herforder Vereins für Luftfahrt im F-Schlepp einen tiefen Überflug über den Platz machte, begann es ein wenig zu regnen. Hatte da der anwesende, luftfahrtfreundliche Bückeburger Pfarrer Heinz Schultheiß, dessen Kirche auch zu den Denkmälern der Stadt zählt, ein wenig durch Fürbitte beigetragen? Auch Bückeburgs Bürgermeister Reiner Brombach war als VIP zugegen und betonte, dass die Stadt vielfaches Interesse an der Luftfahrt und am Luftsport habe, denn sie beherberge auch ein bedeutendes Hubschraubermuseum und sei Garnisonsstadt für die Heeresflieger.

Gerhard Allerdissen überbrachte die Grüße des DAeC-Präsidenten Wolfgang Müther und bekräftigte die Bedeutung der kulturellen Bereiche der Luftfahrt: „Man kann die

Zukunft nur gestalten, wenn man die Vergangenheit kennt. Daher ist der Denkmalschutz etwas ganz Modernes und Zukunftsweisendes.“ Er bedankte sich bei Bernd Vogt nicht nur für das Engagement in Bückeburg, sondern auch für die Betreuung der Modellbauabteilung im Museum auf der Wasserkuppe. Ein weiterer Dank galt den zahlreichen Helfern und besonders dem LSV Bückeburg. Für das kommende Jahr äußerte er den Wunsch, dass zum Tag des offenen Denkmals 2016 sich alle am Geburtsort des Segelflugs auf der Wasserkuppe einfinden mögen. Vogt bezeichnete bei seinen Moderationen Gerhard Allerdissen mehrfach als den „Vater der fliegenden Denkmäler“, eine Namensgebung, die ihn spätestens ab jetzt begleiten wird.

Text:      H.-Henning Blomeyer, Rolf Meierkord
Herforder Verein für Luftfahrt


Original veröffentlicht am 2.4.15:

Fliegende DenkmälerWeihe_1

Kulturgüter mit einem Anspruch auf Unterschutzstellung findet man in mannigfachen Formen überall auf der Welt. Im Hinblick auf die Vergänglichkeit der Güter ist besonders in den letzten Jahrzehnten die Bereitschaft zum Erhalt solcher Objekte stark angestiegen.

Diese Welle erfasste auch bewegliche Kulturgüter mit technischem Aspekt, wie zum Beispiel historische Kraftfahrzeuge, Eisenbahnen, Schiffe und nun auch Luftfahrzeuge, von denen bereits einige als Denkmal anerkannt wurden.

Mit dem Begriff „Denkmal“ verbinden viele Bundesbürger hauptsächlich ältere Bauwerke mit historischer Bedeutung, die bereits einige hundert Jahre auf dem Buckel haben können. Doch die Luftfahrt ist gerade einmal 100 Jahre alt geworden und im Vergleich mit den altehrwürdigen Denkmalsbauten sind die fliegenden Objekte noch „junge Hüpfer“. Nun sind Gebäude naturgemäß langlebige Objekte, Flugzeuge dagegen nicht. Die rasante Entwicklung, die die Luftfahrt in den vergangenen 100 Jahren gemacht hat, ist atemberaubend, so wie die in vielen anderen Bereichen der Technik.02_Landeanflug_09_05_2009

Neue, modernere Maschinen sind dabei, die oft noch gar nicht so alten Schätzchen aus dem Verkehr und der täglichen Verwendung zu drängen. Allein die mögliche Gewinnsteigerung durch eine bessere Rentabilität oder der Zwang aufgrund neuer Lärmschutzverordnungen auf leisere Muster umzusteigen, verkürzt die Lebensdauer der älteren Maschinen rapide. Allein bei der Betrachtung dieser Fakten wird bewusst, dass die Evolution in der Luftfahrttechnik noch längst nicht stagniert. Die Gefahr, dass ausrangierte, teilweise noch junge „Oldtimer“ der Verschrottung anheimfallen und damit vom Himmel verschwinden, ist sehr hoch. Auf diese Weise sind bereits viele Flugzeugmuster schlichtweg ausgestorben.

Der Wunsch und Bedarf, dass insbesondere Luftfahrzeuge für die Nachwelt erhalten bleiben, die in der technischen Entwicklungsgeschichte Meilensteine darstellen, ist mittlerweile stärker ausgeprägt. Es ist also nicht das Alter des Objekts allein, das eine Unterschutzstellung befürwortet, sondern die Tatsache, dass ein besonderer Bezug zu der Entwicklungsgeschichte der Luftfahrt besteht.

Deutschland ist die Wiege der bemannten Luftfahrt mit Geräten, die schwerer als Luft sind. Das haben wir zum großen Teil Otto Lilienthal zu verdanken. Der erste auch wirtschaftlich erfolgreiche Motorflug fand in den USA durch die Gebrüder Wright statt. Sie bauten mit Hilfe der wissenschaftlichen Hinterlassenschaft Lilienthals ihren Flyer und hatten damit große Erfolge. Der Werdegang des Segelflugs allerdings war anfangs wiederum eine rein deutsche Angelegenheit. Von der Wasserkuppe aus nahm diese Sparte des Luftsports einen beispiellosen Aufschwung. Insbesondere dieser nationale Aspekt gibt Anlass, sich um schützenswerte Segelflugzeuge verstärkt zu bemühen.

Bleiben wir einmal beim Segelflug und nehmen ihn als Beispiel für alle anderen Sparten der Luftfahrt.

Die Anstrengungen des Deutschen SegelflWeihe_3ugmuseums mit Modellflug auf der Wasserkuppe zusammen mit dem „Rhönflug Oldtimer Segelflugclub Wasserkuppe“ und dem international agierenden „Vintage Glider Club“ sowie vielen anderen Luftsportvereinen lassen auf eine gute Zukunft hoffen.

Darüber hinaus haben inzwischen viele Privatpersonen ihr historisches Segelflugzeug gehegt, gepflegt und überholt, wo es nötig war.

Solche Restaurierungsarbeiten an alten Objekten sind nicht einfach, zumal die Techniken für die Instandhaltung ebenfalls einer Alterung unterliegen. Gewisse Arbeiten an Tragflächen und Rümpfen aus Holz erfordern nun einmal spezielle handwerkliche Fähigkeiten, die heute durch die Verarbeitung moderner Kunststoffe immer mehr in Vergessenheit geraten.

So entstanden Dokumente für den Erhalt alter Schätze.

Bereits 1964 kam die sogenannte „Charta von Venedig“ heraus, in der die Richtlinien zur Erhaltung historischer Gebäude festgeschrieben sind. Für die beweglichen technischen Kulturgüter folgte im gleichen Sinne 2002 die Charta von Riga für den Erhalt historischer Eisenbahnen, im gleichen Jahr die Charta von Barcelona für den Bereich der Schifffahrt und 2011 die Charta von Turin für Kraftfahrzeuge. 2014 haben der Präsident der deutschen Abteilung des „Vintage Glider Club“ und Buchautor, Peter Ocker, sowie der Grandseigneur der Akaflieg Braunschweig, Bernd Junker, eine Charta von Braunschweig verfasst. Sie stellt den Leitfaden dar, wie historisches Fluggerät erhalten werden kann und zu behandeln ist.

Darüber hinaus wird das Deutsche Segelflugmuseum mit Modellflug in seiner Werkstatt Lehrgänge anbieten, in denen die handwerklichen Kenntnisse im Umgang mit historischen Segelflugzeugen weitergegeben werden.

Die kulturellen Aspekte der Luftfahrt befinden sich kräftig im Aufwind, zumal der Segelflug nun auch Eingang in die nationale Liste der Vorschläge für immaterielles Kulturgut der UNESCO gefunden hat.

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K8-B, Baujahr 1960

All das ist Grund genug, um auf einer Sonderausstellung des Deutschen Segelflugmuseums mit Modellflug in der Halle 1 auf der diesjährigen AERO in Friedrichshafen (14. bis 18. April 2015) solche Schätze zu präsentieren. Hier werden eine ganze Reihe von denkmalgeschützten Segelflugzeugen zu sehen sein. Diese historischen Muster unterscheiden sich von den in Museen eingemotteten Objekten dahingehend, dass sie nicht 365 Tage pro Jahr als Ausstellungsobjekte dienen, sondern tatsächlich noch aktiv am Luftsport teilnehmen.

Hier muss man noch einen weiteren Aspekt für den Erhalt solcher Flieger hinzufügen. Wer das Vergnügen hat, ein solches historisches Fluggerät bei seinen Kreisen in der Thermik am Himmel zu beobachten und durch die transparente Bespannung der Flügel die filigrane Konstruktion bis hin zu jeder einzelnen Rippe erkennen zu können, dem bietet sich ein Anblick mit einer ganz besonderen, unvergleichlichen Ästhetik.

Rolf Meierkord, H.-Henning Blomeyer
Herforder Verein für Luftfahrt e.V.
Bilder: Gerd Hermjacob
Flugverein Gütersloh e.V.

 

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