Man nennt ihn den Drachenpapst

Claus Gerhard

Am 13. Oktober feierte Professor Michael Schönherr seinen 70. Geburtstag – Anlass für eine Würdigung des Mannes, der als genialer Ingenieur und Forscher wegweisend an der Entwicklung und Verbesserung der Drachenflugsicherheit beteiligt war.

web02 Vor 30 Jahren kannte ihn jeder Drachenflieger. Michael Schönherr war der Mann mit dem Messwagen für Hängegleiter, der die Aerodynamik der flexiblen Flügel durchschaute wie kein Zweiter. Bekannt wurde der schwäbische Luftfahrt-Ingenieur durch die Erforschung und Lösung des Flattersturzproblems, das heutige Piloten nur noch vom Hörensagen kennen. Seine grundlegenden wissen-schaftlichen Arbeiten zum Pitch-Verhalten und zum Tuck (Vorwärtsüberschlag) fanden ebenfalls weltweite Beachtung. Mittlerweile ist es still geworden um den deutschen „Drachenpapst“.

Vom Flugmodellbau und Segelflug kommend begann seine Drachenflug-Karriere eher unspektakulär, wenn man davon absieht, dass Drachenfliegen vor 40 Jahren an sich höchst spektakulär war. Mike Harkers Gleitflug von einer Skischanze in Bayern (noch vor seinem medienwirksamen Zugspitzflug) hatte dafür gesorgt, dass sich ein paar Wagemutige zum Skifliegen in der Schweiz einfanden. Michael Schönherr war auch dabei, allerdings lernte er den Fußstart erst etwas später auf der Schwäbischen Alb kennen. 1975 gehörte er zu den Teilnehmern der ersten inoffiziellen Drachenflugweltmeisterschaft in Kössen. Von seinem ersten Dauerflug im Hangaufwind unter einem Rogallo mit der Gleitzahl 3 schwärmt er noch heute, obwohl er während der 25 Minuten leicht bekleidet auf einem Holzbrett sitzend fürchterlich fror.

Der Flattersturz – eine tödliche Gefahr

Bald gab es diese geheimnisvollen tödlichen Abstürze, bei denen Piloten mit hoher Geschwindigkeit unter einem laut flatternden Segel im Sturzflug auf den Boden zurasten und einschlugen. Man hielt die Verunglückten zunächst für besonders leichtsinnig, ohne nach den wirklichen Ursachen zu forschen, denn damit hätte man auch Konstruktionsmängel in Betracht ziehen müssen. Michael war damals frisch gebackener Luft- und Raumfahrt-Ingenieur und Technikreferent für Hängegleiter beim Deutschen Aeroclub (DAeC) und machte sich an die Arbeit. Er berechnete als Erster näherungsweise das Segelprofil der Rogallo-Gleiter und fand damit heraus, dass der „Flattersturz“ seine Ursache im fortlaufenden Verlust der starken Schränkung, der „Höhenleitwerksbereiche“ des Rogallo-Flügels hat. Als Lösung schlug er im Februar 1976 in einem Beitrag für das Drachenflieger-Magazin den Schränkungsanschlag vor, mit dem der Tucheinfall im äußeren Segelbereich beim Schnellflug (d. h. bei kleinem Anstellwinkel) zuverlässig verhindert wird. Das Prinzip findet sich heute in jedem Drachen als „Swiveltip“ oder „Sprog“ wieder.

Zu dem Thema erschien Schönherrs viel beachtete Aufsatzreihe mit insgesamt 28 Folgen. Es dauerte jedoch mehrere Jahre, bis sich die Swiveltips weltweit durchsetzten, weil die Hersteller zunächst nicht zugeben wollten, dass ihre Drachen grundsätzlich flattersturzgefährdet waren.

Die ersten Messwagenergebnisse und ein Gütesiegel

Schon 1974 hatte Michael Schönherr Ali Schmid kennen gelernt, einen Drachenhersteller aus dem Stuttgarter Raum, der sich um mehr Sicherheit für seine Geräte bemühte und deshalb 1977 zusammen mit Bernd Schmidtler Drachen von einer Seilbahn abgeworfen hatte. 1978 baute er zusammen mit Paul Kofler einen Testwagen, auf dem das Verhalten der Drachen bei verschiedenen Geschwin-digkeiten und mit variablen Anstellwinkeln untersucht wurde. Michael kaufte einen Commodore-Pet-Computer und entwickelte in monatelanger Arbeit unentgeltlich die Software für die Auswertung der Messfahrten. Vorher waren bereits Messwagenprojekte in der Schweiz und in den USA in Angriff genommen worden, die jedoch an Auswertungsproblemen scheiterten. Auch Schönherr hatte anfangs Mühe, die Sicherheit von Deltaflügeln zuverlässig zu ermitteln, da dies neben technischem Verständnis großer Erfahrung bedarf.

Als es wegen der Differenzen mit dem DAeC 1979 zur Gründung des Deutschen Hängegleiterverbandes (DHV) kam, wechselte das Testwagenteam um Ali Schmid die Fronten und arbeitete fortan für den neuen Verband. Zuvor hatte die Gruppe bereits die Bedingungen für ein DAeC-Gütesiegel erarbeitet, das der DHV übernehmen konnte. Nun standen die Drachenhersteller aus der ganzen Welt beim deutschen Messwagen Schlange, denn alle wollten und sollten flattersturzsichere Geräte bauen. Etwa 1000 Gutachten für Hängegleiter-Gütesiegel hat Michael Schönherr in den folgenden Jahren bis 1990 geschrieben und dabei praktisch alle relevanten Drachentypen, auch Gleitflügel und UL’s untersucht. Dass mit den Tests auch gefährliche Schwächen mancher Pfeilflügel ans Licht kamen, versteht sich von selbst. Spektakuläre Fälle waren zum Beispiel der Flair, der Explorer oder der Fire-bird M1. Weil sich Schönherr damit besonders um die Sicherheit im Drachenflugsport verdient machte, wurde ihm (gemeinsam mit Paul Kofler) 1983 die Albrecht-Schmid-Gedächtnismedaille vom DHV verliehen. Die silberne Dural-Platte trägt die Inschrift: Opfer sollen vermieden werden!

Eigene Drachenentwicklungen

Weitgehend unbekannt geblieben ist dagegen, dass er selbst zwei ungewöhnliche Drachen entworfen und gebaut hat, mit dem Ziel, die Leistungsgrenzen flexibler Hängegleiter zu erweitern. Insbesondere das Entenkonzept faszinierte ihn, weil es eine größere Flügelstreckung, ein verbessertes Profil und eine verringerte Schränkung ohne Sicherheitsverlust erlaubt. 1982 entstand nach vielversprechenden Modellversuchen in der Werkstatt von Ali Schmid ein Entengleiter in Originalgröße, und erste Freiflugtests verliefen zufriedenstellend. Leider verunglückte Ali am 15. September desselben Jahres tödlich, als er mit einem instabilen UL einen Prüfungsflug absolvieren musste. Damit fand das erfolgversprechende Entenprojekt ein jähes Ende.

Den Anlass, die Schlagflügeltechnik am Hängegleiter auszuprobieren, bot Schönherr 1986 der Berblinger-Flugwettbewerb über die Donau, denn auch der Schneider von Ulm hatte 1811 – in Anlehnung an Jakob Degen – die Flügel seines Gleiters mit Blattfedern beweglich gelagert. Zur Vorbereitung auf das Jubiläumsspektakel gelangen dem Schönherr-Team dokumentierte Flügelschläge im Schleppflug und auch einige im bodennahen Freiflug, wohl die ersten, die je ein Hängegleiter ausführte. Nach dem Wettbewerb sollte die Schlagflügelidee weiterentwickelt werden, doch dazu kam es ebenfalls nicht, obwohl das Gerät einen höchst interessanten leistungssteigernden Ansatz bietet. Nach den Jahren im Depot werden beide Projekte nun einen Platz im Museum erhalten und so hoffentlich auf fachkundige Liebhaber treffen, die sich davon zu eigenen Entwürfen inspirieren lassen. Die Unterstützung des Altmeisters wäre ihnen gewiss.

Neue Aufgaben

Das eigene Fliegen hat Michael Schönherr inzwischen aufgegeben. Seinem ursprünglichen Hobby, dem Flugmodellbau, ist er jedoch treu geblieben. Waren es noch 1984 die Nurflügel-Modelle Stromberg 1 und 2, deren Aerodynamik er aufbauend auf den Erkenntnissen von Lippisch, Junkers und Horten beschrieb und optimierte, so perfektionierte er in den letzten Jahren die Luftbildfotografie mit Elektroseglern. Sein Archiv umfasst inzwischen mehr als 100.000 Aufnahmen. Er produziert Luftbildkalender und widmet sich der Luftbildarchäologie. 1997 gelang ihm dabei ein besonderer Erfolg: Er fand den seit 1869 in Vergessenheit geratenen Ort des einzigartigen Waldalgesheimer Fürstengrabes, das als das reichste Keltengrab Deutschlands gilt.
Nach seinem Eintritt in den Ruhestand hat Professor Schönherr begonnen, die zahlreichen Dokumente der letzten 40 Jahre zu ordnen und Teile davon ins Netz zu stellen, sodass sie für Interessierte einsehbar sind. Dem Leser eröffnen sie ungeahnt tiefgründige Einblicke in die Geschichte der modernen Flugdrachen, sie vermitteln aber auch Forschungswissen, das teilweise aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand, mit dem jedoch die Hängegleiterentwicklung neuen Schwung erhalten könnte.

Literatur

Zum Flattersturz:
www.leicht-flug.de/Haengegleiter/Forschung1974-1979

Zum Vorwärtsüberschlag (Tuck):
www.leicht-flug.de/Haengegleiter/DHV-Forschung1980-1990/Flugstabilitaet

Zum Starrflügel:
www.m-schoenherr.de/Stromburg/Das_Stromburg_Prinzip.pdf

Zum Waldalgesheimer Fürstengrab:
www.m-schoenherr.de/wah/bericht.pdf

Sicherheitshinweis

Aus gegebenem Anlass weisen wir die Vorstände unserer Ausbildungsvereine dringend darauf hin, darauf hinzuwirken, dass jegliche Arbeiten an, insbesondere jedoch der Ein- und Ausbau sowie der Versand von ballistischen Rettungsgeräten durch technisches Personal des DAeC ab sofort unterlassen werden sollte.

Die in die UL-Ausbildung integrierte pyrotechnische Einweisung ist – entgegen häufig abweichend vorgetragener Ausfassungen – keine hinreichende Grundlage für o.a. Wartungsarbeiten.

Notwendige Wartungsarbeiten an diesen zeitabhängigen Komponenten sollten bis auf weiteres bei den Hersteller- resp. Vertreiberbetrieben in Auftrag gegeben werden.

Der LV-NRW wird sich bemühen, schnellstmöglich entsprechende Ausbildungseinheiten für technisches Personal zu erarbeiten und anzubieten, um eine rechtssichere und gefahrenfreie Handhabung in diesem Bereich sicherstellen zu können.

Sicherheitshinweis

Erleben. Entdecken. Ausprobieren – AIRLEBNIS 2013

Mal eine andere Luftportart ausprobieren, Jugendliche aus anderen Vereinen kennenlernen oder als Segelflieger einfach mal auf einem anderen als den heimischen Platz fliegen. Das sind nur ein paar Gründe, die das Airlebnis zu einem ganz besonderen Event machen. Einen ausführlichen Bericht könnt ihr in der kommenden Ausgabe des Luftsportmagazins lesen. Ein paar Bilder gibt es aber schon heute.

Piloten gesucht – TV-Team begleitet eine Traumreise als Flug-Safari!

Die Claas Vorhoff TV-Produktion plant für die Sendereihe „Meine Traumreise“ (regelmäßig Sonntags, 16:45 SWR/ARD) einen Filmbeitrag (30 Min.) über eine traumhafte, außergewöhnliche Reise von Freizeit-Piloten in ihren privaten Flugzeugen.

Dafür suchen wir mindestens 2 -3 Maschinen, die über einen Zeitraum von 10-14 Tagen, eine Art „Flug-Safari“ oder „Air-Trekking“ in diesem Jahr 2013 selbst geplant haben. Wichtig ist, dass überwiegend deutschsprachige Piloten sich eine interessante, eben ‚traumhafte‘ Route ausgewählt haben, egal ob in Europa, Amerika, Australien oder Asien. Idealer Weise ist es ein Piloten Club oder eine Flieger-Gruppe, die ihren Ausflug der besonderen Art selbst geplant und finanziert haben. Diese ausgewählte Gruppe wird dann vom Kamerateam (2 Pers.) begleitet und dabei entsteht ein professioneller Film in TV-Qualität als einzigartige Erinnerung.

Darüber hinaus wird ihr „Aviation-Abenteuer“ im SWR/ARD ausgestrahlt! Bewerbung bitte mit Kurzbeschreibung, Angaben über Start, Ziel, Anzahl der Teilnehmer, Maschinen, Reisetage und wenn möglich Interessanten Aufhänger oder Anlass dieser ‚Traumreise‘ direkt an Claas Vorhoff TV-Produktion:
clvo@gmx.de

Trainingswochenende für die Deutsche Meisterschaft im Ultraleichtfliegen 2013

Michael Kania

Erstmalig wurde ein Training für die Deutsche Meisterschaft im Ultraleichtfliegen angeboten. Auf dem Flugplatz Borkenberge konnten die Teilnehmer ein ganzes Wochenende Ziellandungen und Navigationsflüge unter professioneller Betreuung trainieren.

Bereits am Freitagabend reisten die Teilnehmer an und erhielten erste Einweisungen für die bevorstehenden zwei Trainingstage. Nach dem ersten Briefing starteten die fünf Mannschaften zum Training der Ziellandungen. Bei den ersten Flügen wurde mit Motor im Leerlauf die richtige Höhe für eine Landung in das Ziellandefeld ermittelt. Wer sich darin sicher war, wählte die Variante Motor aus und brachte sein Fluggerät ohne Motorhilfe möglichst in das 25 Meter lange Landefeld.

Nach einer kurzen Pause erfolgte der Start zum ersten Navigationsflug des Tages. Tagesziel war das UL-Gelände Metelen. Bei der Landung auf der 250m langen Grasbahn konnten alle Teilnehmer einmal zeigen, wie gut sie ihr Fluggerät beherrschen.

Der Rückweg wurde wieder in Form eines Navigationsfluges durchgeführt. Diesmal musste auch ein Kreisbogen als Kurslinie geflogen werden.

Ziellandung

Einige Mitglieder der gastgebenden Luftsportvereinigung Dr. Hermann Köhl e.V. hatten inzwischen den Grill angeheizt und Getränke bereitgestellt, so dass der Abend trotz recht niedriger Temperaturen gemütlich an der Flugzeughalle ausklingen konnte.

Am Sonntag standen weitere Ziellandungen und ein Navigationsflug auf dem Programm. Dichter Nebel verhinderte jedoch zunächst jegliche fliegerische Aktivität.
Die Zeit wurde genutzt, um die anstehenden Flüge intensiv zu briefen und bereits geflogenen Aufgaben zu besprechen. Am späten Vormittag klarte es auf und weitere Ziellandungen wurden geflogen. Einige Landungen passten genau in das markierte Ziellandefeld, das Training vom Vortag machte sich positiv bemerkbar.

Beim anschließenden Navigationsflug waren mehrere Fotos zu identifizieren. Der Fundort wurde dann in die Karte eingezeichnet. Der Abschlussflug über die Wasserschlösser Nordkirchen und Senden und runde das Wochenende perfekt ab.

Den Mitgliedern der Luftsportvereinigung Dr. Hermann Köhl e.V. hat es viel Spaß gemacht Gastgeber zu sein und dieses Training auszurichten. Sehr gefreut haben wir uns über den Besuch von Wolfgang Lintl, dem Vorsitzenden der Bundeskommission Ultraleicht, der mit seinem Tragschrauber aus Bremen anreiste. Nicht zuletzt gilt mein Dank der Ultraleichtkommission des Aeroclub NRW, der Bundeskommission Ultraleicht des DAeC sowie der Borkenberge-Gesellschaft e.V. für die finanzielle Unterstützung. Die 24. Deutsche Meisterschaft im Ultraleichtfliegen findet vom 9. bis 12. Mai 2013 in Gelnhausen statt.

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