Märchenerzählerin Sonja entdeckt das Segelfliegen für sich

Veröffentlicht von , 11. Juni 2021

Märchenerzählerin Sonja entdeckt das Segelfliegen für sich

Veröffentlicht von , 11. Juni 2021

Sonja Fischer im Interview mit dem Pressesprecher des Herforder Vereins für Luftfahrt (HVfL), Henning Blomeyer.
(Teil 1)

Unter Beachtung der Abstandsregeln sitzen Sonja und Henning im Versammlungsraum der Werkstatt im Herforder Sportpark Waldfrieden bei Tee und mitgebrachtem Kaffee. Die Heizung bemüht sich redlich um einigermaßen angenehme Temperaturen. Weil die Winterarbeit abgeschlossen ist, ruht der Betrieb in den jetzt leeren Werkstatträumen.

Sonja, du verdienst deine Brötchen als Märchenerzählerin. Wie viele deiner Geschichten beginnen mit dem Satz: „In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat…“ Was machst du, wenn du nicht fliegst?

Wie du schon gesagt hast, erzähle ich Märchen. Märchen für Kinder und für Erwachsene. Ich begleite Hochzeiten mit persönlichen Geschichten der zukünftigen Eheleute und Trauerfeiern, wo ich die Lebenslinien der Verstorbenen nachzeichne.

Natürlich ist die Corona Zeit auch für mich ein hartes Brot. Aber ich fand neue Wege, mein Publikum zu erreichen. Märchen verlieren ihre Wirkung und Magie auch auf virtuellen Wegen nicht. Am anderen Ende der Leitung sitzen lauschende Kindergartenkinder, faszinierend!

Sonja Fischer bei einem ihrer Auftritte als Märchenerzählerin.

Du stammst aus Augsburg in Bayern, was du nicht verleugnen kannst, ich höre es ganz deutlich heraus. Was hat dich in den Norden verschlagen?

Jeder Mensch hat bestimmte Punkte im Leben, an denen er oder sie sich neu orientiert oder orientieren muss. Du lässt das Alte hinter dir und beginnst etwas Neues. Eine Tür schließt sich, eine Andere öffnet sich. Eine Beziehung zerbrach, meine Kinder wurden erwachsen und verließen mein Haus. Kennst du das Empty-Nest-Syndrom? Wenn das mit einer Art Midlife-Crisis zusammenkommt, dann denkst du neu und überlegst, wohin dein Leben dich führen soll. 2012 war es für mich an der Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Und dann hast du deine Leidenschaft fürs Segelfliegen entdeckt, oder war der Wunsch zu fliegen schon vorher in dir verwurzelt?

Schon in ganz alten Märchen geht es oft darum, dass Menschen den Wunsch haben, den Erdboden zu verlassen und sich in die Lüfte zu erheben. So wie der Zarensohn Iwan Zarewitsch, der sich in einem berühmten russischen Märchen in einen hölzernen Adler verwandelt und gen Himmel fliegt.

Sehr, sehr prägend waren für mich die Worte des Piloten Antoine de Saint-Exupéry aus seinem Roman „Der kleine Prinz“. In diesem Buch steckt so viel Weisheit und Güte, es ist einfach unglaublich.

Die meisten Segelflieger:innen fangen in ihrer Jugend mit der Ausbildung an. Du bist eine Spätberufene und älter als die meisten Flugschüler:innen. Sonja, erzähl mir, wie du ins Cockpit eines Segelflugzeugs gefunden hast.

Nachdem ich beim Erzähltheater Osnabrück eine neue berufliche Heimat gefunden hatte, kam ich zu Ostern im Jahr 2019 zum Flugplatz in Oerlinghausen. Es sollte erst einmal ein Schnuppern beim HVfL sein, als mich gleich beim ersten Windenstart die Leidenschaft für das lautlose Fliegen gepackt hat. Ich hatte schon vorher auf dem Flugplatz in Bohmte Kontakt zur UL-Fliegerei, aber im Segelflugzeug zu sitzen war etwas völlig anderes.

Allein der ganz spezielle Duft des Oerlinghauser Flugplatzes, der durch die natürliche Umgebung mit den Jahreszeiten wechselt, erinnerte mich spontan an die Provence. Es duftete nach Kräutern, nach Wald und Wiese, als zu Ostern die Natur aus dem Winterschlaf erwachte. Du schaust zum Himmel, siehst Greifvögel ihre Kreise ziehen und willst ihnen nur noch hinterherfliegen. Ich bin ohnehin sehr naturverbunden, oft gehe ich mit den verschiedensten Gruppen von Märchenfreunden in die Wälder und spüre mit meinen Gästen diese ganz eigenen, fast magischen Stimmungen.

Sonja mit der ASK-21 beim Fliegerlager 2019 auf dem Flugplatz Pirna.

Ich mag dich gar nicht unterbrechen. So, wie deine Worte und Gefühle sprudeln, hat es dich wirklich ganz stark motiviert zu sagen „Ich will das, ich will Segelfliegen lernen“?!

Ja, so war es! Gleich beim ersten Flug hatte ich ein Gefühl wie zuhause, wie angekommen zu sein. Ich hatte das große Glück, mit Heinz Richter vom HVfL zu fliegen. Heinz ist 83 Jahre jung, seit über 55 Jahren Fluglehrer und nahm mich an die Hand. Er schenkte mir sein Vertrauen und führte meine ersten Flugversuche mit ruhiger Anleitung. Ich bin mir sicher, dass er einen großen Anteil daran hat, dass mich sofort ein unsagbares Glücksgefühl in der Luft überkam. Segelfliegen ist für mich die wundervolle Verbindung der Natur mit den Märchen, die mich geprägt haben.

Du hast also gleich am ersten Tag einen Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gab? Das Feuer war entzündet. Wie ging es dann weiter?

Mich interessierte einfach alles am Flugbetrieb. Caddy fahren, damit die Flugzeuge zurückziehen, mit dem Leppo die Seile zum Start holen, Startschreiberin machen, ich wollte alles wissen, alles ausprobieren. Dabei bin ich vielleicht so manches Mal den anderen Mitgliedern ein wenig auf die Nerven gegangen, aber meine Wissbegier war und ist einfach groß. Segelfliegen geht nur im Team und ich will den Teamgedanken leben. Du hast ja schon gemerkt, dass ich Leidenschaften lieben und leben will. Ich muss einfach alle Eindrücke aufsaugen, dabei sein und das Flugplatzleben genießen. Sogar nach einem beruflichen Auftritt bin ich oft noch für ein paar Stunden zum Flugplatz gefahren.

Du hast dich also entschieden, deine Ausbildung zum SPL zu machen. Normalerweise dauert die deutlich länger, als du dir vielleicht vorgestellt oder vorgenommen hast. Dein Einsatz, deine stetige Präsenz am Flugplatz waren der Grund, warum du schneller vorangekommen bist als manch andere:r? Du hast mir erzählt, dass das Fliegerlager des HVfL 2019 in Pirna die Zeit war, die für deine fliegerische Ausbildung entscheidend war.

Ja, die Zeit dort hat mich sehr schnell vorangebracht. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, an diesem für mich fremden Flugplatz in die Luft zu kommen. Nur an einem einzigen Tag in Pirna war das Wetter nicht fliegbar. Ich hatte die Chance, die verschiedenen Wetterlagen kennenzulernen, flog mit Schwarzstörchen in der Thermik und genoss jeden Flug. Und wieder war es Heinz, der erfahrene Segelflieger und Fluglehrer, der mich täglich motiviert und begleitet hat.

Sonja und ihr Fluglehrer Heinz Richter in Pirna.

Wenn du in den zwei Wochen so viel geflogen bist, war dein erster Alleinflug nicht mehr weit?

So kam es auch. Heinz und ein weiterer Fluglehrer steckten die Köpfe zusammen und dann hieß es: „flieg mal.“ Jede:r die/der das erlebt hat weiß, was dann folgt. Ich habe meditiert, das liegt so in mir, ich erde mich, bevor ich abhebe, bevor das Seil eingeklinkt wird. Meine innere Ruhe ist meine Stärke.

Ich saß nun zum ersten Mal allein in der ASK-21, atmete ruhig und dann hieß es Seil straff, fertig. Als das Seil aus der Kupplung fiel, überkam mich ein ungeheures Glücksgefühl und ich habe laut gejubelt. Die ersten beiden Flüge verliefen perfekt, aber dann… als der Dritte folgen sollte, versagte die Bordelektrik.

Oh nein, dachte ich. Bitte nicht jetzt! Alles Weitere auf den nächsten Tag verschieben? Keine Option! Nach einer Stunde Fehlersuche war der Defekt an einem Batteriekabel behoben und ich startete zum letzten Flug der A-Prüfung. Als wäre es, dass mich der letzte Flug für die Unterbrechung entschädigen müsste, erwischte ich gleich nach dem Start einen ansehnlichen Bart. Heinz meldete sich am Funk, ich sollte den einfach ausnutzen. Nach der letzten Landung hatte ich mein erstes großes Ziel erreicht und bekam nach alter Tradition den Po versohlt. Ich bin übrigens der Meinung, dass diese Tradition nicht sterben darf. Mir und meinem Popometer hat es jedenfalls echt gut getan!

Manches von dem, was du mir heute erzählt hast, habe ich selbst erlebt. Wohl niemand vergisst seine ersten Alleinflüge. Leider ist die Fliegerei noch immer sehr männlich dominiert. Dabei gibt es für mich keinerlei Gründe dafür. Wieso sollten Frauen die schlechteren Piloten sein? Dein Werdegang zeigt ja, dass Frauen vielleicht sogar sicherheitsbewusster in der Luft unterwegs sind als Männer. Du warst 45 Jahre alt, als du mit der Ausbildung begonnen hast, auch das ist eher untypisch in unserem Sport, aber warum eigentlich nicht?

Das sehe ich genauso! Wenn deine Motivation, dein Einsatz, die Freude am Fliegen und eine gute Ausbildung zusammenkommen, ist es einerlei, ob Frau oder Mann im Cockpit sitzen.

Sonja und Heinz in Oerlinghausen.

Hattest du bis dahin den Eindruck, dass du einen Bonus erhalten hast, weil du eine Frau bist, oder gab es sogar Gegenwind von den männlichen Fliegern?

Nein, einen Bonus gab es nicht wirklich, aber zeitweise hatten Andere vielleicht den Eindruck, als hätte es ihn gegeben. Heinz und ich haben einfach eine wunderbare Chemie zwischen uns und ich habe durch ihn in kurzer Zeit viel gelernt. Ich denke, dass sich jeder Lehrer und jede Lehrerin freut, lernwillige Schüler:innen zu haben, weil es den Lehrenden viel zurückgibt.

Stell dir vor, ich würde Menschen Märchen erzählen, die sich auf die Texte und die Atmosphäre nicht einlassen wollen. Das beobachte ich ganz oft bei reinen Männerrunden. Anfangs desinteressiert und fast gelangweilt tauen sie immer mehr auf und gehen am Ende des Tages mit einer neuen, anderen Sicht nach Hause. Plötzlich ist das Kind im Manne wieder lebendig und genau das tut Vielen verdammt gut!

Das klingt für mich, als könnten Märchen aus gestandenen Managern wieder Kindergartenkinder machen!?

Wenn mir das als Märchenerzählerin gelingt, habe ich viel erreicht. In der heutigen, schnelllebigen Zeit bleiben die kindlichen Eigenschaften der Menschen wie Neugier, Vorurteilsfreiheit und Offenheit gegenüber neuen Erlebnissen und Perspektiven leider oft verschüttet. Diese, wenn auch nur für ein paar Stunden, wieder ins Bewusstsein meiner Gäste zu rücken, ist eine wunderbare Sache! Wem es gelingt, meine Märchen und die Natur ins Herz zu lassen, sich davon berühren lässt, kann nur gewinnen.

Vergleich das einfach mal mit dem Segelfliegen. Ist es nicht wie ein Märchen, dass wir Menschen uns mithilfe eines motorlosen Fluggerätes nur mit der Kraft der Elemente in die Lüfte schwingen können? So können wir etwas Märchenhaftes mit allen Sinnen erleben, was uns von Natur aus eigentlich verwehrt ist.

Sonja, das ist ein herrliches Schlusswort für heute. Ich danke dir für die spannende Unterhaltung. Im nächsten Teil werden wir erfahren und erleben, wie deine fliegerische Ausbildung weiterging. Dazu gehört natürlich auch dein besonderes Verhältnis zu „deiner“ Alwine. Wer oder was diese Alwine ist, wie sie zu ihrem Namen kam und warum du dich in sie verliebt hast, das kommt noch. Ich bin gespannt! Die Saison 2021 beginnt nun. Wie sie verlaufen wird, wissen wir noch nicht, aber wir bleiben natürlich optimistisch. Ich wünsche dir auf jeden Fall always happy landings!


Sonja Fischer fliegt im HVfL. Henning Blomeyer ist Pressesprecher des HVfL und des Luftsportzentrums Oerlinghausen.

Henning Blomeyer (li.) und Sonja Fischer in der Vereinshalle auf dem Flugplatz Oerlinghausen.